Ausgewählte Gedichte

Für einen alten Freund

Nichts hast du hier verpaßt, mein Freund,

außer Feindschaft, Angst und tägliche Dummheiten

deine Bücher sind nicht veröffentlicht worden,

aber das ist keine neue Nachricht

deine Familie lebt nach wie vor in Hunger und Angst

nur dein Stuhl war leer im Café,

das gestern zu einem Zimmer der Kreditbank wurde

deine Geliebte ist alt

auch du wärst alt geworden

man redet über dich,

so, daß du dich in den Lügen nicht wiedererkennst

aber auch du lügst gelegentlich,

wenn du von Hoffnung und Zukunft sprachst

keine Sorge, auch wir sind alt geworden,

beim Erdulden einer Welt,

in der wir nicht geduldet sind

seitdem du gegangen bist,

ist hier kein Platz mehr für deine Sehnsüchte,

auch dann nicht,

wenn du hier verweilen würdest

es bleibt nur die Sehnsucht nach Liebe Blicken,

eine Gelegenheit für listige Genüsse, die wir einst raubten

außer deinen Liedern, die wir hören konnten,

deiner Standhaftigkeit, du Berg unserer Zuflucht

deinem Schatten, der uns das Licht spendete,

außer deinem Schmunzeln, du listiger Schelm,

habe wir durch deine Reise nichts verloren

auch du hast nichts verloren,

außer dem feurigen Wirbelwind

verloren und mutig,

flüchtend in den Gassen und Häusern der Heimat

mein toter Freund

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Erzähle mir

Manchmal erinnerst du mich daran,

daß es schön gewesen war

was? wo? wer? suche ich in meinem Gedächtnis

manchmal sagst du, man könnte glücklich sein wie lange?

Wie weit? frage ich mich.

manchmal führst du mich spazieren

schau, sagst du, das ist unsere Vergangenheit

ich schaue

das ist unser Geburtsort

ich schaue

das sind die Jahre der Leichtlebigkeit,

die schönen Freunde,

die sehenswürdigen Städte,

das ist die Welt

ich schaue

vielleicht hast du recht

ich habe dich nie lügen hören,

aber wenn du möchtest,

kannst du es einmal tun aus Schelmerei

manchmal erinnerst du mich an etwas,

was ich nie gehört,

nie gedacht habe

nichts

wenn du mir deine Träume erzählst,

bin ich sicher,

sie mit jedem Atemzug erlebt zu haben

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Wir Kinder der Wüste

Wir Kinder der Wüste

kennen keine Unruhe,

treiben niemanden in die Enge,

niemand wirft seinen Schatten auf unsere Sonne

die Wüste hatte immer für jeden Platz

Wir Wüstenkinder

zählen unsere Freunde mit Sternen

und unsere Wunden mit Dolchen des Fremdseins

unsere Heimat ist ein Stück Brot,

unsere Freiheit ein Schluck Wasser

Schnee und Regen bedecken nicht

die Spuren unseres Kummers

die Wolke ist der Schirm unserer Freude

Wir Wüstenkinder haben Berg gespielt,

damit er zu Kieselsteinen wurde

die trunkenen Kamele

führten uns in die Tiefe der Vertrautheit

wenn wir die Straße betreten,

trägt die Wüste einen Umhang,

bedeckt uns fremder als jede Geschichte

das Gift, das aus unseren Körpern fließt,

trübt die Sehnsucht der Stadt in der Farbe des Bernsteins

das ist unser Blut,

das du wildes Blut nennst das Blut muß wild sein, Herr

in eueren Kaufläden

erscheint die nachts leuchtende Perle

wie ein kleiner Stein

das ist nicht verwunderlich

davon erzählen immer die Märchen

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Gottes Kalb

Am Ende der Linie, wo der Tag sich trennte vom Licht

kehrte die Helligkeit zurück zu meinem Blick

bis hin zum Fensterrahmen

und legte verstreute Erinnerungen,

die er im Tragsack aufbewahrt hatte

zwischen die Erinnerungen und das Vergessen

der Selbstmord des Flugzeugs

in den Armen des gläsernen Macht Turms  

die Botlobby beim Begreifen flüchtiger Kinder

im Schatten vorbei fliegender Bomber

Folterkammern neben Vergnügungslokalen

Und der Genuß des Folterers

beim Anblick des Blutes und Urins des geständigen Gefangenen

Umkehrung des Fortschritts in den Hütten von Slumbewohnern

einzellige Lebewesen

die vielen Zellen in den Gefängnissen

und die Schar der Büroangestellten,

die den Tod der Zeit im Kopf haben

die Fabriken der Gefängnisse,

die Kasernen der Kindergärten, und …

der Tag versuchte,

sich an die Hügel und Wälder zu erinnern,

sogar an die Farbe der Wellen der Meere

Ereignisse, die kommen,

um im Gedächtnis zu hausen, sagte ich, Ereignisse,

die aus dem Gedächtnis der Zeiten stammen, die zu vergessen sind.

Was du mitnimmst, ist nicht neu erschienen

Du denkst immer noch, wie zur Zeit der Mongolen

Er fühlte sich betroffen, daß ich ihn als alt und dumm bezeichnete,

nahm aus der Tiefe seines Tragsacks eine Münze heraus, mit dem Eichmaß, der Prägung und den

überall auf der Welt gültigen Wert,

mit samaritische Zauber, der den Turm von Babel

ungültig machte.

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Zwei Monate oder zwei Jahre

Mit dem ersten Schneewind im Herbst

schloß ich die Fenster

fünfzig Jahre oder mehr

aber zwei Monate oder zwei Jahre widerspiegelten sich

in meinen Träumen

Jetzt habe ich die Fenster wieder geöffnet

übrig sind nur noch die Pflanzen vergangener Jahre

und ein Baum jenes Gartens

und eine gänzlich fremde Aussicht

in den Stunden, von denen ich nicht weiß,

welcher Jahreszeit sie angehören

Aber woher kommt die Musik?

Ist das Musik?

Könnte sein, aber keine, die deinem Geschmack vertraut ist

vielleicht baut man in dieser Gegend einen Garten

oder Eisenbahnschienen, deren Züge,

wie sie sagen,

hier vorbeifahren sollen

vielleicht leistet die Welt Buße, indem sie ihren Körper zerstückelt

ich bin stärker geworden als ich in meinen Träumen war

meine Haut zerplatzt vor Freude

es liegt etwas in der Luft, was mich aus dem Zimmer ruft,

damit ich hoch steige, wie die Sterne auf der trügerischen Milchstraße

ich werfe das Zimmer in den Mülleimer

und überfliege den Vulkan

auf dem Gipfel von Damavand